Das Wunder des blinden Vertrauens von Fremden!
Wie oft höre ich, dass wir Fremden nicht vertrauen sollten. Wir kennen weder ihre Absichten noch ihren Charakter und können sie nicht einschätzen. Viele Menschen sind misstrauisch, eine gesunde Distanz wird uns oft anerzogen, um nicht auf Schwindel hereinzufallen. Wer zu vertrauenswürdig ist, den nennen wir naiv. Diese Angst und Vorsicht sind nicht nur ein sinnvoller Schutz, in ihrem Extrem haben sie der Menschheit schon oft sehr geschadet. Durch die Ausgrenzung von Anderen wurden Menschen von ihresgleichen unaussprechliches Leid in unserer Geschichte angetan.

Doch misstrauen wir den Fremden so sehr?
Schauen wir doch einmal in das Leben des jungen Svens. Nehmen wir den letzten Freitag. Die Geschichte begann morgens mit der Post, der Postbote bat mich, ein Paket für einen Nachbarn anzunehmen, es war ein neuer junger Postbote, ich hatte ihn vorher nie gesehen. Wieso vertraut er mir ein Paket an? Woher will er wissen, dass ich es wirklich abgebe? Er schien nicht mal Bedenken zu haben, ja er lächelte sogar und wünschte mir noch einen schönen Tag. Was für ein naiver junger Mann.
Zur Mittagszeit fuhren wir einkaufen. An der Kasse bat mich die Mitarbeiterin zu zahlen. Ich kannte sie nicht, sie mich auch nicht. Ich holte ein Stück Plastik aus meiner Hosentasche, das Gerät machte einen kurzen Beep-Ton und sie verabschiedete mich freundlich ins Wochenende. Dieser Vorgang, so banal er auch wirkt und so oft wir ihn auch erleben, ist faszinierender als viele es bemerken.
Woher weiß die Kassiererin, dass mein Konto gedeckt ist und ich wirklich bezahlt habe? Die Antwort, die ich oft bekomme, ist die folgende: „Aber Sven, das Gerät überprüft sofort die Deckung deines Kontos“. Das ist mir schon bewusst. Aber wieso vertraut das Gerät meiner Bank? Wieso vertraut der Supermarkt dem Betreiber des Gerätes? Wieso vertraut der Besitzer des Supermarktes dem Filialleiter, dass er eine fähige Angestellte aussucht? Wieso vertraue ich ihr, dass sie mir nicht zu viel abbucht? Wieso vertraue ich dem Gerätebetreiber, dass er meine Daten nicht weitergibt und mein Konto nicht leergeräumt wird? Wieso vertraue ich eigentlich meiner Bank, dass sie mir mein Geld überhaupt wiedergibt?
Allein in dieser kleinen Aktion der Kartenzahlung sind diverse Parteien involviert. Der Supermarkt, die Angestellte, die Bank des Supermarktes, der Gerätebetreiber, meine Bank und ich. Sechs Parteien, wovon sich wahrscheinlich keiner persönlich gegenseitig kennt, führen zusammen einen Tausch aus, in nicht einmal 5 Minuten, hunderttausende Male am Tag. Und doch ist dies eine Selbstverständlichkeit für uns.
Zuhause angekommen las ich diverse Artikel die ich mir zum Frühstück herausgesucht hatte. In dem einen wird ein sehr interessantes Buch erwähnt. Also setzte ich mich vor den Laptop und suchte dieses Buch bei Amazon. Mit nur einem einzigen Klick kaufte ich dieses Buch und es ist unterwegs zu mir.
Und wieder vertraue ich einem Unternehmen, welches ich noch nicht einmal physisch gesehen habe, mir ein Buch von einem Verlag zu schicken, den ich nie kennengelernt habe, durch einen Zahlungsprozess, der wie oben besprochen mehrere Parteien enthält, die ich nicht kenne, aus einem Land, in dem ich nicht bin. Und trotzdem weiß ich, dass ich dieses Buch in den nächsten Tagen von dem jungen lächelnden Postboten bekommen werde, den ich Freitagmorgen zum ersten Mal sah. Oder, denke ich mir schmunzelnd, ich erhalte es natürlich von einem Nachbarn.
Unsere Gesellschaft hat gelernt friedlich zu kooperieren, sodass beide involvierte Parteien einen Nutzen davon haben. Dieses Vertrauen zu Fremden und die Bereicherung durch das Geben des Vertrauens ist nun so groß geworden, dass wir in einer globalen vernetzten Welt leben. Jeder, der an dieser Welt teilhaben kann und dem vertraut wird, hat sein Leben schon verbessert. Durch dieses geschenkte und erhaltene Vertrauen wurde den Menschen eine Welt ungeahnter Möglichkeiten eröffnet und ein Wohlstand entfaltet, der vorher noch nie in der Geschichte der Menschheit so beobachtet wurde.
Doch wie funktioniert dieses Vertrauen und warum werden wir nicht pausenlos enttäuscht? Natürlich funktioniert das System nicht fehlerfrei, wir leben ja nicht in Utopia und das Verletzen des Vertrauens wird immer vorhanden sein. Doch die Fehlerquote wurde radikal gesenkt.
Edward Stringham, Professor am Trinity College und guter Freund, hat ein Buch geschrieben namens Private Governance: Creating Order in Economic and Social Life, welches ich jedem empfehle zu lesen. In diesem Buch beleuchtet er das Entstehen von Vertrauen ohne rechtlichen Schutz oder Rahmen. Ein sehr schönes Beispiel finden wir gleich in der Einleitung zum ersten Kapitel. Wir befinden uns im Jahre 1762 in London, es gibt noch keine Börse oder eine andere Art des gesicherten Wertpapierhandels. Jeder Broker oder Zwischenhändler, der zu dieser Zeit in London agierte, hatte keinen rechtlichen Schutz durch die Krone Englands. Sein Geschäft war sein eigenes Risiko. Die Frage, die Professor Stringham stellt, ist die folgende: „Wenn es keinen rechtlichen Schutz gibt, warum war Betrug unter den Händlern nur selten und nicht alltäglich?“ Die Antwort ist Reputation. Da es keine Börse gab, an der man sich zum Handeln zusammenfinden konnte, wurden diese Geschäfte in Kaffeehäusern abgehalten. Jedes Kaffeehaus hatte ein Interesse daran, keine Betrüger hereinzulassen, sodass die Broker gerne in ihren Laden kamen, um dort ihren Handel zu vollziehen. Daher gab es in jedem Kaffeehaus im Eingangsbereich eine Tafel auf der die „Lahmen Enten“ standen, also diejenigen, von denen man wusste, dass sie schon mal eine Vereinbarung nicht eingehalten hatten. Durch dieses Prozedere übernahm die später gegründete Londoner Börse (die aus dem Jonathan’s Coffeehouse entstand) das Motto “My word is my bond”, grob übersetzt: „Mein Wort ist meine Bindung“.
Feedback ist einer der wichtigsten Eckpfeiler für Vertrauen. Feedbacksysteme sind informationsverarbeitende Systeme zur Signalverstärkung. In Zeiten des Internets von Webseiten und Apps ist uns dies gar nicht unbekannt. „Wie hat ihnen unser Produkt gefallen?“, „Bitte bewerten Sie uns hier“, „Geben Sie uns bitte Feedback“, „Helfen Sie uns, unseren Service zu verbessern“, „Würden Sie uns Freunden oder Familie empfehlen?“. Überall gibt es Bewertungen, jeder hat ein Rating. Wir schauen uns nicht länger nur Produkte und Dienstleistungen an, wir lesen Kommentare von vorheriger Kunde, wir schauen, wie hoch die Bewertung ist. Wir vertrauen auf die Informationen von Menschen, die wir nicht kennen, über ein Produkt, welches wir noch nicht haben, von einem Anbieter, den wir nicht kennen. Und doch gibt uns genau dies die Sicherheit, nach der wir suchen. Vertrauen bildet sich aus immer wiederkehrenden Erfahrungen. Genau daraus können wir schöpfen.
Dank dieses Wunders des blinden Vertrauens freue ich mich schon auf mein neues Buch nächste Woche und werde weiterhin die Augen aufhalten für diese Art von Vertrauen in meinem täglichen Leben.
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